Kolumbienreise

April-Juni 2021

 

Am 18. April 2021, mitten im Corona-Lockdown, ging es los – geimpft machte ich mich auf den Weg zu Juan Pablo in Kolumbien. Das erklärte Ziel: den besten Kaffee finden, die persönliche Beziehung ausbauen, und neue Horizonte entdecken!

Meine Reise führte mich im Zickzack nach Calí, in den Dschungel der Sierra Nevada, nach Bogotá, Medellín, Pasto (mit seinem gefährlichen Flughafen hoch im Gebirge), Nariño und Bucaramanga. Ich fachsimpelte mit Röstern, trank Kaffee in unzähligen kleinen und großen Cafés und an Straßenständen, fühlte die Höhe der Plantage am eigenen Leib (die Luft wird dünn da oben!) und lernte Unmengen über Kaffee, Kolumbien und seinen Anbau. Hier einige Highlights:


 

Im Kaffeefeld "La Vega" mit Juan Pablo und Familie in Génova, Kolumbien.

Überraschend: Corona war nicht das Hauptproblem

Ich war kaum angekommen, da stellte die kolumbianische Regierung eine Steuerreform ein, die auch die Ärmsten in Kolumbien direkt betroffen hätte. Die Proteste kamen umgehend, ausgehend von den Studenten … und dann wurden sie blitzschnell aufgegriffen. Innerhalb von wenigen Tagen lieferten sich Polizei und Banden Straßengefechte. Ich war mittendrin und konnte gemeinsam mit Juan Pablo eine Woche lang die Stadt nicht verlassen und zur Farm fahren – es war schlicht zu gefährlich. Immer wieder hörten wir Schüsse in nächster Nähe und einmal tränten uns die Augen von dem vorbeiziehenden Gas. Straßen waren blockiert, Tankstellen besetzt. Die Farmer beeindruckten mich in dieser Situation sehr: Sie hielten Kontakt untereinander, warnten sich und sorgten dafür, dass ich über Umwege mit einer kleinen Propellermaschine einige Wochen später doch noch auf die Kaffeeplantage kam. „Business as usual“ gab es in dieser Situation nicht. Eher „Business by improvisation“. Unter diesen Bedingungen Qualität zu liefern – davor ziehe ich den Hut!

 

Straßensperre am Stadtrand von Cali (Kolumbien)

 

Kaffeeanbau mit Familienanschluss

Die Wochen auf der Plantage von Juan Pablo haben mich gefordert. Ich habe ganz bewusst aktiv bei der Ernte geholfen und mir schnell große Blasen geholt! Die ganze Familie arbeitet mit, und die Kraft wird durch drei warme Mahlzeiten pro Tag aufrecht erhalten. Die 92-neunzigjährige Oma von Juan Pablo hat jede Woche hunderte der köstlichsten Empanadas (Teigtaschen mit verschiedensten Füllungen) für uns produziert. Ich wurde genau wie alle anderen behandelt, bekam einen sanften Rüffel, wenn ich das Licht anließ und mein Zeug nicht wegräumte und meine Portion beim Essen wurde je nach Leistung kleiner oder größer!

 

Mein Zimmer während meines Aufenthaltes auf der Kaffeefarm von Juan Pablo in Génova (Kolumbien).

 

Die Kunst des Kaffeepflückens

Mein besten Ergebnis lag bei 30 kg am Tag, doch die professionellen Kaffepflücker schaffen bis zu 100 kg – und das am Steilhang! Schon beim Pflücken werden die Bohnen sortiert – was noch nicht reif ist, bleibt hängen und wird erst in einem späteren Durchgang in das „Bauchkörbchen“ gesteckt. In das Bauchkörbchen passen bis zu 5 kg. Die Kaffeefrüchte sehen aus wie kleine Kirschen. Sie sind erst grün, dann leuchtend rot und wenn sie reif sind, haben sie eine tiefe bordeauxrote Farbe. Besonders anstrengend: Nach dem Pflücken werden die schweren Säcke zur Waage getragen (manchmal auch bergauf!). Je nach Gewicht fällt der Lohn aus...

 

André Näder bei der Kaffeeernte in Génova (Kolumbien)

Die Wand der Sombrero

Im Haus von Juan Pablo gibt es eine Wand, an der die Sombreros der ganzen Familie hängen. Auch der Sombrero des Vaters von Juan Pablo hängt dort, der Anfang des Jahres an Corona gestorben ist. Die Trauer war überall noch gegenwärtig … und ich war sehr gerührt, als am Ende meines Aufenthaltes ein Platz neu geschaffen wurde, an den ich meinen neu erstandenen Sombrero hängen durfte. „Dort wartet er auf Dich, bis Du wiederkommst!“

 

Wand der Sombrero

 

Die Kaffee-Zeremonie

In Frankreich ist es der Champagner, in Japan die traditionelle Teezeremonie, und in Kolumbien der Spezialitätenkaffee. In den Cafés in Bogotá wird Spezialitätenkaffee ausgiebig zelebriert! Zuerst sucht man sich den Filter (!) aus. Es gibt verschiedenste Varianten: Hario V60, Chemex, French Press … Dann wird die Bohne gewählt, mit viel Zeit zum Fachsimpeln. Schließlich wird der Kaffee am Tisch selbst zubereitet, während der Barista Anekdoten und Hintergründe zu den jeweiligen Plantagen erzählt. Specialty Coffee in Kolumbien ist Genuss, Religion und Leidenschaft zugleich. Kein Wunder, dass ich mich sofort heimisch fühlte.

 

Kaffeezubereitung am Tisch eines Spezialitätencafés in Bogota (Kolumbien)

 

Cascara und andere Entdeckungen

Cascara ist das Fruchtfleisch, das die Kaffeebohne (bzw.-kirsche, wie sie im ursprünglichen Zustand eigentlich genannt wird) umhüllt. Es wird von den Farmern häufig verwendet, um den Boden zu düngen. Man kann daraus aber auch einen Tee brühen, der viele Antioxidantien enthält. Und dann gibt es ihn noch als Sirup, der für einen erfrischenden Eistee verwendet wird. In kleine Stücke zerteilt habe ich Cascara auch in Brötchen entdeckt … vergleichbar mit unserem Rosinenbrötchen. Ein wenig süß, was übrigens eine ganz typische Geschmacksnote für den Kaffee aus Kolumbien ist.

 

Cascara Eistee in der Markthalle in Cali (Kolumbien)

 

Die Federacíon versus Spezialitätenkaffee

Traditionell werden die Ernten der Kaffeeplantagen an die „Federación Nacional de Cafeteros de Colombia“ geliefert. Die Preise werden im voraus verhandelt und garantiert, und die Qualität des Kaffees ist nicht das wichtigste Merkmal, denn hier geht es um Masse für die ganz großen Abnehmer.

 

Trocknung von Kaffee in minderer Qualität am Straßenrand in Kolumbien.

 

Juan Pablo weiß, dass man mit Spezialitätenkaffee mehr verdienen kann … doch es ist auch ein größeres Risiko, denn die Abnahmen sind üblicherweise nicht im Vorfeld garantiert. Daher muss er echte Überzeugungsarbeit leisten, wenn er die Plantagen im Umfeld dazu bringen möchte, auch auf Spezialitätenkaffee umzusteigen.

 

Weiterbildung

Juan Pablo engagiert sich sehr dafür, das Wissen um den Spezialitätenkaffee weiter zu verbreiten. Aktuell baut er gerade ein Weiterbildungszentrum für ca. 30 Leute mit Unterkunftsmöglichkeiten auf.

Ich finde es sehr beeindruckend, wieviel ein einzelner Mensch mit seiner Leidenschaft bewegen kann und bin sehr dankbar, dass er mich so herzlich willkommen geheißen hat und mir in viele Details Einblick gegeben hat.

Wenn ich kann, werde ich im September noch einmal hinfliegen, um bei der Sortierung der Bohnen direkt dabei zu sein!


 

Weiterbildungszentrum für Kaffeebauern und Kaffee im Trocknungsprozess auf der Kaffeeplantage von Juan Pablo in Génova (Kolumbien)